No Beginning - No End

9. August 2013, früher Nachmittag. Auf einmal war der Krankenwagen ganz groß. Ich sah die Heckscheibe splittern. Das Fahrrad kam krachend zum Stehen. Erster Gedanke, du hast aber starkes Nasenbluten. Der Krankenwagenfahrer käste mich an, ob ich nicht aufpassen könne. Dann war mein Freund Helmut da, der Fahrer solle sich lieber um mich kümmern. Kein Schmerz, seltsam. Die ersten Helfer kamen, zwei Feuerwehr-Rettungswagen, die Polizei war auch da. Das Fahrrad hat etwas abbekommen. Die Gabel war verbogen, das sah der Fachmann sofort. Helmut drückte mich im Sitzen herunter, ich solle nicht aufstehen. Frage nach Ausweis und Versicherungskarte. Wichtig, sonst wird man wahrscheinlich nicht versorgt. Halskrause um und ab in die Notaufnahme im Krankenhaus Havelhöhe um die Ecke. Dahin hätte ich auch laufen können. Die Nase und die Lippen wurden genäht, alles sauber gemacht. Gespräch mit der Ärztin, ich war gut beieinander, Telefonnummern, Datum, Geburtstag, alles parat. CT-Untersuchung und Bauchsonografie. Die Leber hat Fetteinschlüsse. Na ja, 44 Jahre Alkohol hinterlassen ihre Spuren. Ab in die Station, Bärbel kam. Gut sah ich nicht aus. Meine Leica in der Lenkertasche hatte es besser überlebt. Nur die Sonnenblende war verbogen. Endlich wurde mir die lästig scheuernde Halskrause abgenommen. Bis auf Schnitt- und Platzwunden im Gesicht keinerlei Verletzungen. Der Nacken tat etwas weh. Leichte Schmerzen zwischen den gedachten Flügeln. Es war wie ein Wunder. Bärbel hat mir ihre Steiff Bärin Georgina mitgebracht. Ein bisschen groß für ein Krankenbett. Sie guckte mich vom Fußende mit ihren traurigen Augen und ihren schmalen Schultern an. Nur nicht blutig machen, mein Lieblingshemd hatte schon genug abbekommen. Bärbel und Helmuth gingen. Ruhe.

Abends kam die Ärztin, die mich zuerst versorgt hatte, an mein Bett. Ob ich wüsste, dass ich einen Tumor in der linken Lunge habe? Wusste ich nicht und vorbei war es mit der Ruhe. So etwas nennt man einen Nebenbefund. Unruhige Nacht, zuerst Angst, dann darüber nachgedacht, was man alles noch nicht geregelt hat. Man hatte ja bis vorhin noch so viel Zeit. Am nächsten Tag war Bärbel wieder da. Ich hatte mir in meiner unendlichen Rücksichtnahme vorgenommen, ihr erst einmal nichts zu sagen. Nur Helmut, mit dem ich vorher telefoniert hatte, hatte ihr schon etwas erzählt. Sie war ganz schön geschockt, ich ruhig. 1996 war es mit ihrem Hautkrebs genau umgekehrt. Als ich es damals wusste, konnte ich nicht einmal mehr richtig arbeiten. Der Gedanke an Bärbels Krankheit blockierte mich in dieser Zeit völlig. Jetzt jedenfalls war es durch und es musste gelebt werden. Sonntag aus dem Krankenhaus nach Hause. Aus der Taxe, im Augenwinkel die Unfallstelle gesehen. Totales Halteverbot, jetzt aber völlig egal. Ich hatte andere Sorgen. Montag zum Hausarzt und zum Lungenarzt. Der Lungenarzt hat eine Massen-Gemeinschafts-Praxis. Kühl und unpersönlich, aber straff durchorganisiert. Trotzdem funktioniert nicht alles perfekt. Ich wurde zum kommenden Montag zur Untersuchung ins Behring-Krankenhaus eingewiesen. Eines wusste ich jedenfalls schon, Tumore dieser Größe müssen raus, egal ob gut- oder bösartig. Natürlich zur Krankenkasse, ohne Kostenübernahme geht nichts. Erst einmal meine Geburtstagsfeier am kommenden Samstag nicht versauen. Es wurde eine schöne Feier, nur so richtig genießen konnte ich sie nicht.

Ein Problem für mich war, wem sage ich was? Wen beunruhige ich mit meiner Krankheit? Die mir nahen Jungs (inzwischen alte Männer) informierte ich auf jeden Fall, deren Frauen erst einmal nicht. Vor allen Dingen nicht solange nichts Genaues bekannt war. Das erste Problem tat sich auf, als Bärbel ihre Mutter informierte, was ich eigentlich sowieso nicht wollte. Sofort machte es in der nahen Familie die Runde. Mein Schulfreund, Kommilitone und Schwager Hans-Otto bekam Ärger mit seiner Frau, weil er sie nicht informiert hatte. Eine kurze Antwort hätte gereicht: Klaus-Dieter wollte es so, basta. Glücklicherweise konnte Bärbel gerade noch verhindern, dass es in den Schweriner Teil der Familie schwappte. Auf jeden Fall habe ich mich über Bärbel geärgert. Als Erstes wollte ich erst einmal meinen 62. Geburtstag ordentlich über die Bühne bringen. Jedenfalls hielten die Freunde dicht. Als ich dann genauer wusste, worum es sich handelte, fing ich dann selber an die Freunde und Familienmitglieder zu informieren. Besonders schwer war es mit Bärbels Cousine, der geliebten Kati in Schwerin. Sie hatte im vorherigen Jahr ihren Bruder durch Krebs verloren. Als ich sie anrief, spürte ich, wie sie beinahe zusammenklappte. Auch unser Freund Fritz konnte zuerst schlecht mit meiner Krankheit umgehen. Er redet sich und mir ein, dass ich nächstes Jahr mit ihm auf die Zugspitze steige. Das sehe ich auf keinen Fall so. Vielleicht will er mich damit aufbauen, was eigentlich gar nicht nötig ist. Ich möchte hauptsächlich, dass sich niemand mehr Sorgen um mich macht als ich selbst. Immerhin, meine Schwiegermutter rief mich das erste Mal seit Jahren an.

Montag früh nach Zehlendorf. Es war der 19.8., der Geburtstag von meinem Freund Harald, ebenfalls Jahrgang 1951, der schon so unendlich lange tot ist. Vorher ins Wahlamt in Zehlendorf. Gedanke: Wenn ich heute schon wähle und ich gebe vor dem 22.9. (dem Wahltag) meinen Löffel ab, ist dann die Bundestagswahl noch gültig? Egal, gewählt ist gewählt. Mit dem Bus weiter zum Behring-Krankenhaus. Am Haupteingang, wie wirst du hier wohl irgendwann mal herauskommen? Mit den Füßen voran?

Umständliche Anmeldung im Behring-Krankenhaus, worum geht es, natürlich um Haftungsausschluss und um Geld. Um was sonst? Als guter Kunde bin ich von der stellvertretenen Chefärztin Dr. Lauer persönlich begrüßt worden. Viele Untersuchungen. Ich war in Zivil, konnte also überall selbst hingehen. Mich jeweils 10 Minuten vor den Untersuchungen zu bestellen, hätte gereicht. Trotzdem habe ich Stunden auf den Krankenhausgängen zugebracht. Es wäre sicher auch alles ambulant gegangen. Beim Belastungs-EKG konnte ich den Ärzten zeigen, dass ich Radfahren kann. Das war aber auch der einzige Spaß. Eine Bronchoskopie war auch vorgesehen, die war für Mittwoch angesetzt. Davor hatte ich mächtig Angst. Mir durch Mund oder Nase eine Sonde in die Lunge einzuführen, versetzt mich in Panik. Es war eine unruhige Nacht vorher. Am Morgen wurde diese Untersuchung um einen Tag verschoben. Ein leerer Tag im Krankenhaus und ich hätte zu Hause noch so viel zu tun gehabt. Ich bin mit Bärbel in der Krankenhausnähe spazieren gegangen. Unmittelbar neben dem Krankenhaus verläuft die Claszeile. In einem Hospiz in dieser Straße war Ende 1965 mein Großvater an Krebs verstorben. Sehr unangenehme Erinnerungen kamen in mir hoch. Donnerstag kam dann die Bronchoskopie. Flache Narkose, eigentlich nicht eingeschlafen und auch nicht aufgewacht. Als über meinem Bett die Lampen vorbeiflitzten, fragte ich, wann denn nun die Untersuchung stattfindet. Es war alles schon erledigt. Bei allen Untersuchungen erwies ich mich als recht gut in Form. Das hätte ich gar nicht von mir gedacht. Der Operation stand jedenfalls nichts im Wege. Nachmittags dann nach Hause, Bärbel hat mich abgeholt. Eigentlich sollte ich schon am Freitag operiert werden. Ich hatte aber noch so viel zu Hause zu tun. Na, dann kommen sie am Dienstag wieder und Mittwoch wird operiert. Es ist keine Eile. Bärbel und ich hatten noch ein schönes Wochenende. Am Dienstag wieder eingerückt, ich war erkältet. Kein Problem, dann eben eine Woche später. Es ist kein Notfall. Das Tagegeld von 10 € für die 20 Minuten wollte das Krankenhaus jedoch haben. Bärbel hat das aber abgebogen.

Dienstag, 3.9., wieder ins Krankenhaus. Jetzt wird’s ernst. Eigentlich hätte ich es schon hinter mir haben können. Trotzdem war ich ruhig, keine Angst. Es gab Routineuntersuchungen. Operations-Vorbesprechung mit Frau Dr. Lauer. An der Wand hing das Bild von meinem Klops in der linken Lunge. Alles klar? Ja, na dann. Der Narkosearzt besuchte mich nachmittags. Ein junger Späthippie, mit dem ich lieber zum Jefferson-Airplane-Konzert gegangen wäre, als mich mit ihm über eine Rückenmarks-Narkose und Schmerztherapie zu unterhalten. Wie lange und wie doll werde ich Schmerzen haben? Er runzelte die Stirn, ordentliche Schmerzen etwa 2 bis 4 Tage. Ich entschied mich gegen eine Spinalanästhesie. Lieber nicht aus der Narkose erwacht, was für ein gnädiger Tod, als eine Querschnittslähmung riskiert. Die Schmerzen werde ich schon durchstehen. Eine junge Praktikantin kam, um mir Rücken und Brust zu rasieren. Wir haben uns gut unterhalten und damit jede Peinlichkeit überspielt. Eine Schwester kam dann kontrollieren. Die Fläche für die Neutralelektrode auf dem linken Oberschenkel war vergessen worden. Hoffentlich hat das arme Mädel keinen Ärger bekommen, sie soll doch Ärztin werden. Ja, die Kasernenhof-Hierarchie im Krankenhaus! Alles guckt zur Oberärztin, keiner traut sich, hier etwas zu sagen. Außer Steffen, der fossile Stationssekretär, der steht über den Dingen. Ein Stationssekretär ist ein Relikt aus der Vergangenheit. Er gehört nicht direkt zum Pflegepersonal, sondern unterstützt die Schwestern und Ärzte beim Papierkrieg. Steffen ist ein toller, freundlicher Typ, Mädchen für alles und noch nicht so alt. So wird die Station 34 im Behring-Krankenhaus weiterhin einen Sekretär haben.

Die Pille zum Einschlafen ignorierte ich und bin nach einigen Gedanken doch eingeschlafen. Morgens hatte ich mich aseptisch gewaschen, inklusive Bauchnabel und ein neues Nachthemd und ein heißes Höschen bekommen. Zwischen 9 und 10 sollte ich abgeholt werden. Von wegen, ich musste bis 13 Uhr warten. Zum ersten Mal war ich etwas hibbelig. Die LMA-Pille (Leck-mich-am-Arsch-Pille) bekommen und ab ins Erdgeschoss. In der Operationsvorbereitung habe ich mich selbst auf die Operationsbahre gelegt. Warme Luft von unten für das Halten der Körperwärme, oder war es schon die Narkose? Dann wurde es langsam dunkel. In der Intensivstation aufgewacht. Es hatte fast 4 Stunden gedauert. Neben mir lag Regine (Jahrgang 1952). Wir haben uns unterhalten so gut es ging. Immer wieder weggenickt. Am Finger die Blutsauerstoffsättigungsmessklammer. Ich bekam eingetrichtert, tiefer einatmen, wenn die Maschine piept. Das ging dann wie der Pawlowsche Reflex. Wenn das Piepen mit tiefer Atmen nicht wegging, war halt ein Sensor verrutscht. Jedenfalls war meine Nachbarin durch das ständige Piepen genervt. Warum piepte es bei ihr nicht oder konnte ich das Piepen zwischen uns beiden nur nicht unterscheiden?

Was eine Bronchoskopie wirklich ist, durfte ich am nächsten Morgen bei meiner Nachbarin „live“ miterleben. Regine ächzte und stöhnte, ihr ganzer Körper schien sich dagegen zu wehren. Kurz darauf bin ich dann wieder auf meine normale Station gekommen. Das Erlebnis mit meiner Nachbarin hätte ich mir gerne erspart.

Mein Bettnachbar war ein älterer Herr, Ferdinand Schwenkner, der in der Arena di Verona gestürzt war und sich dabei eine gebrochene Rippe in die Lunge gebohrt hatte. Er war früher Lektor beim Ullstein-Propyläen-Verlag und literarischer Mitarbeiter bei der Gedenkstätte Widerstand im Bendlerblock. Mit ihm konnte man sich wunderbar unterhalten, aber auch gemeinsam schweigen, wenn es nötig war. Der Fernseher blieb immer aus. Auch einigten wir uns auf einen Wecker um 23 Uhr, um unsere Schmerzmittel etwas später nehmen zu können. Damit hatten wir morgens keine Schmerzen. Da ich meinen Laptop dabei hatte, konnte ich ihm Bilder aus Verona zeigen. Er war ein sehr angenehmer Mensch, ich hoffe er denkt über mich genauso. Wir telefonieren noch ab und zu miteinander. Wenn wir besser drauf sind, werden wir mit unseren Frauen gemeinsam essen gehen. Ich war nicht gut drauf, es tat ganz schön weh und die Schmerzmittel dämpften. Der Krankenhausbetrieb war ein Einerlei. Das wurde jäh unterbrochen. Eine Schwester huschte herein und zischte: nichts mehr Essen und nichts mehr Trinken, Bronchoskopie! Meine Frage „So eine Untersuchung wie vorgestern bei meiner Nachbarin und wieso“ verhalte im Leeren. Oder doch nicht? Die jüngste meiner Ärztinnen schwebte wie eine Fee herein. Eine wunderschöne Frau, fast noch mädchenhaft mit schwarzem Zopf und von einer natürlichen Freundlichkeit. Ich war begeistert. Sie könnte meine Tochter sein, fast meine Enkelin. Ich hätte schlechte Entzündungswerte und nun muss man ermitteln woher das kommt. Ängstlich fragte ich, ob mit Narkose? Nein, geht nicht, aber es findet nicht hier oben auf der Station statt, sondern unten, wie beim letzten Mal. Mir kam natürlich sofort das Erlebnis in meinem Nachbarbett in den Sinn. Ich wurde jedenfalls nach unten gebracht. Irgendetwas wurde mit mir gemacht, dass man mir etwas in Mund oder Nase geschoben hat, habe ich nicht mitbekommen. Als Übeltäter stellte sich dann ein Zu- und Ablaufschlauch am Hals heraus, den man mir zur Operation gelegt hatte. Ich habe mir also einen typischen Krankenhauskeim gefangen. Jetzt einmal zu meinen Medikamenten. Jede Menge Schmerzmittel, die schädigen die Magenschleimhäute. Etwas zum Schutz der Magenschleimhäute, das verhindert den Stuhlgang. Also auch etwas zum Kacken. Oder so ähnlich. Und nun auch noch Antibiotika. Ich kann inzwischen 6 große Pillen auf einmal in den Mund nehmen, ein Schluck Wasser drauf und weg sind sie. Damit kann ich auch im Zirkus auftreten. Die Tage schleppten sich dahin. Der zweite gute Geist war Dorothea, meine Physiotherapeutin. Auch sie von einer natürlichen Freundlichkeit. Ein Wunder, wie man in einer solch feindlichen Umgebung so bleiben kann. Die Schwesternschaft ist schon überwiegend gut. Einige Schwestern waren allerdings interessenlos und unfreundlich. Genau das konnte ich in meiner Situation nicht gebrauchen. Fast jeden Tag zum Röntgen. Das Ergebnis? Auf meine Frage danach, die lapidare Antwort: Wenn etwas gewesen wäre, hätten wir schon etwas gesagt. Die Organisation im Krankenhaus ist schlecht. Dies steht im krassen Gegensatz zur medizinischen Kompetenz. Bedauerlicherweise stehen in unserem Gesundheitssystem wirtschaftliche Aspekte immer mehr im Vordergrund.

Noch einmal Verona: Ich war mit Bärbel dort mit dem Fahrrad unterwegs, als der Tschernobyl-Reaktor Ende April 1986 geplatzt ist. Wir waren tagelang im Freien unterwegs. Ob damals der Grundstein für meinem Tumor gelegt wurde?

Am Montag kam mein Nachbar dann nach Hause und wurde durch ein einfacheres Gemüt abgelöst. Der Fernseher war den ganzen Abend an. Wenn seine Frau zu Besuch war, ging es im Zimmer zu wie im Taubenschlag. Auch ich bekam viel Besuch, wir gingen dann in die Cafeteria, um nicht zu stören. Auf dem Stationsflur traf ich Regine aus der Intensivstation. Eine ziemlich überdrehte Person. Der Donnerstag wurde mir als Entlassungstermin in Aussicht gestellt. Mittwoch wurde ich noch einmal auf den Kopf gestellt. Die Ergebnisse waren alle in Ordnung, Donnerstag früh stand. Mein Freund Achim konnte mich abholen. Noch ein kurzes Gespräch mit meiner guten Fee, diesmal mit offenen, langen Haaren. Die entfernten Lymphdrüsen waren sauber, das den Tumor umgebende Gewebe auch. Nicht schlecht! Noch ein Scheinchen in die Kaffekasse der Station und von meinem Nachbarn verabschiedet, mit dem ich kaum 20 Sätze gewechselt hatte. Er sollte an dem Tag operiert werden. Beim Abschied fing er an zu weinen, ich blieb auf seinem Bett sitzen bis Achim kam. Auch ich habe zu nah am Wasser gebaut. Das Elend im Krankenhaus ist schwer zu ertragen. Achim brachte mir meinen Koffer nach unten und ich wartete am Haupteingang bis er seinen Bus aus dem Parkhaus geholt hatte. Ich stand noch auf meinen Füßen, wenn auch etwas wacklig. Vor 10 Tagen bin ich hier als gesunder Mensch hineingegangen, jetzt stehe ich hier als kranker Mann. Natürlich ist das so nicht richtig. Der lebensbedrohende Tumor ist aus mir heraus. Damit war der erste Gedanke falsch. Zu Hause waren die zwei Treppen eine echte Herausforderung. Erstes Erlebnis in der neuen Freiheit: Als ich an der Ecke Bismarckstraße / Bergstraße über die Ampel ging, raunzte mich eine Radfahrerin an, dass sie noch nie jemand so langsam über die Ampel hat gehen sehen. Ja ich war schlecht drauf. Trotzdem hätte ich gerne mein Hemdchen hochgehoben und ihr meine frische Narbe über den Rücken gezeigt. Egal, ich bin weiter nach Hause geschlichen. Schauen wir mal, wie ich die Kombination von Asthma und verringerter Lungenkapazität überstehen werde. Auf jeden Fall muss ich abnehmen, um die verringerte Lungenfunktion zu kompensieren. Ich hoffe jedenfalls, dass ich später für größere Rad- und Bergtouren noch die Kraft und Luft finden werde. Das ist jetzt meine größte Sorge.

Vor der Tür im untersten Stockwerk meiner Station war die Raucherinsel. Dort waren die grauen und hageren Patienten versammelt. Manche hatte ihre Sauerstoffflasche oder das Gestell für den Tropf dabei. Leider war vom Verstand nicht viel zu sehen. Natürlich mischte sich auch das Pflegepersonal in großer Zahl unter die Patienten. Auch Steffen, der Stationssekretär und Dorothea, meine Physiotherapeutin waren dabei, schade. Gerade bei diesen müsste sich doch, bei ihren täglichen Erlebnissen während der Arbeit, der Verstand regen. Mein allererster Zimmernachbar, der eine ähnliche Operation vor sich hatte wie ich, nur viel ausgeprägter, hörte im Krankenhaus auf zu rauchen. Er hat es recht gut gepackt. Wir sind sehr viel gemeinsam spazieren gegangen, das lenkte ihn ab. Nach 3 Tagen war der Spuk vorbei. Die Hauptschwierigkeit wird natürlich kommen, wenn er nach Hause kommt. Seine Frau raucht auch. Ich habe kürzlich mit ihm telefoniert. Nach 6 Wochen ist er immer noch rauchfrei.

Wiedergeburt

Am 18.9. war ich zum Klammern- und Fädenziehen beim Lungenarzt bestellt. Als ich mich am Eingangstresen anmeldete, sagte mir die junge Dame dort, dass in dieser Praxis so etwas gar nicht gemacht werden kann. Ich ging zur Schnappatmung über. Aus dem Labor kam eine Assistentin herausgestürzt. Nein, nein, das Werkzeug ist da und alles wird genau so gemacht wie verabredet. Dieselbe Dame wollte es mir schon vor einer Woche ausreden, nachdem ich es 5 Minuten vorher mit ihren Chef, Dr. Schultebraucks, besprochen hatte. Es war eine harmlose und schmerzlose Sache. Der größte Witz war, dass dieselbe Dame mir die Klammern ziehen musste. Leider hatte sich das Krankenhaus beim Lungenarzt wegen der Gewebeprobe des Tumors immer noch nicht gemeldet. Zu Hause die Station 34 im Behring-Krankenhaus angerufen. Ja, die Tumorkonferenz hat gestern getagt. Keine Chemo- und keine Strahlentherapie, nur die übliche Tumornachsorge. Mit lautem Poltern fiel der Stein von meinem Herzen unter den Schreibtisch. Vor einer Chemotherapie hatte ich mehr Angst als vor der Operation. Ich rief alle Leute an, die von meiner Krankheit wussten. Symbolisches Schulterklopfen und zig Mal gehört, dass der Fahrradunfall ein Wink des Schicksals oder ein Fingerzeig Gottes war. War er bestimmt. Nachmittags rief noch der Sozialdienst des Behring-Krankenhauses wegen der REHA-Maßnahme an. Abends bin ich mit Bärbel im Wiesenstein essen gewesen, um unseren Vierundvierzigsten nachzufeiern. Oder doch etwas anderes? Sechs unangenehme Wochen waren vorbei. Ich bin jetzt nur noch mit der Reduktion der Schmerzmittel beschäftigt. Ich gehe davon aus, dass ich in 2 bis 3 Wochen ohne sie auskommen werde. Meine Ärzte waren keine große Hilfe dabei. Es blieb mir selbst überlassen, wie ich von den Medikamenten herunterkam, für die man einen Waffenschein braucht.

Die REHA-Maßnahme meldete sich an. Die Rentenversicherung hatte mir einen dicken Briefumschlag mit Papier zum Ausfüllen mit Erläuterungen zugeschickt. Ich bin zwar des Lesens mächtig, aber was sie wirklich von mir wollten, hat sich mir nicht richtig erschlossen. PISA lässt grüßen? Mit dem Fahrrad bin ich die 10 km zur Rentenversicherung, hinter dem Funkturm, gefahren. Es ging, wenn auch etwas langsamer als früher. Mit Hilfe des Sachbearbeiters war das Ausfüllen in 20 Minuten erledigt. Ein leichter neidischer Blick von ihm, wie viel Geld mir die Deutsche Flugsicherung ohne Arbeitsleistung bezahlt und dass es die DFS nicht interessiert, ob ich krank bin oder nicht. Ich weiß wie gut es mir in dieser Hinsicht geht.

Leider wurde meinem Wunsch nicht entsprochen, die REHA ambulant im benachbarten Auguste-Viktoria-Krankenhaus machen zu können. Ich muss nach Buckow in der Märkischen Schweiz. Dort wohnten bis zu ihrem Tod Bert Brecht und Helene Weigel, im Sommer. Als wir das erste Mal, Anfang der Neunziger mit dem Fahrrad dort waren, stand im Gästebuch ihrer Villa: So lässt sich der Sozialismus aushalten. Es ist eigentlich recht hübsch dort, nur ist aber gerade November. Die stationäre REHA ist mir zwar nicht recht, nur brauche ich die Maßnahme. Also muss ich mich fügen. Drei Wochen unter Krebskranken werden mir nicht leicht fallen. Ja, ich weiß, ich bin selber krank. Gut 2 Stunden mit Öffentlichen weg von zu Hause. Da werde ich wohl nicht oft Besuch bekommen. In dieser Klientel wird sich sicher auch kein Kurschatten finden.

Seit dem 14.10. bin ich schmerzmittelfrei. Es war ein langer Weg. Ganz unproblematisch war es jedoch nicht. Es setzten leichte Entzugserscheinungen ein, wie innere Unruhe und Schlaflosigkeit. Es ist immer noch ein Engegefühl in der Brust zu spüren. Irgendetwas haben meine Rippen während der Operation schon abbekommen, nur gesagt hat es mir niemand.

Wie wäre es eigentlich mit meiner Arbeit weitergegangen, wenn ich nicht schon im Vorruhestand gewesen wäre? Tauglichkeitsverlust oder Lizenzverlust wären wahrscheinlich gewesen. Da wäre zur Krankheit noch die Angst um den Arbeitsplatz dazugekommen. Vielen Leuten hier in Buckow geht es so. Ich kann mich jedoch zurück lehnen. Glück im Unglück. Ich muss nur den Spagat Vorruhestand, Rente und Schwerbehinderung hinbekommen. Das wird schon klappen. Zur Erklärung, ich darf meinen Antrag auf Schwerbehinderung nicht zu früh stellen, sonst erwartet die DFS, dass ich meinen Rentenantrag sofort stelle. Für eine Rente ab 63 ohne Abzüge hilft jedoch die Schwerbehinderung. Nicht ganz einfach! Lieber wäre mir allerdings keine Schwerbehinderung gewesen. Dann hätte ich mir dies alles ersparen können und niemand einen Schrecken eingejagt.

Am 17.12.2013 stand die erste Nachsorgeuntersuchung an. Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl. Es klappte alles wie am Schnürchen bei Dr. Schultebraucks. Das Röntgenbild war gut. Alles ohne pathologischen Befund.

Inzwischen bin ich zu Dr. Kampschulte gewechselt. Es ist eine persönlichere Behandlung. Zwei weitere Nachsorgeuntersuchung waren ohne Befund.

Gedanken über meinen Tod

Ich bin jetzt 62 Jahre alt. Das ist zwar nicht besonders alt, jedoch ist ein wichtiger Abschnitt meines Lebens vorbei. Bis auf die frühen Kinderjahre und meine 4 Jahre im Jugendwohnheim war mein Leben wunderbar. Die Schulzeit war zwar ein kleines Martyrium, mit Lehre und Studium war ich jedoch auf dem Weg. Mein Berufsleben kann ich mir kaum besser vorstellen. Natürlich habe ich noch viel vor, speziell jetzt im Ruhestand.

Der Tod hat jedoch für mich den Schrecken verloren. Nur der Weg dorthin ist nicht besonders prickelnd. Es sei denn, man versteht darunter das ganze Leben, dann ist es nur der Schluss. Das es mich nun ausgerechnet in der Lunge erwischt hat, ist eine ausgesuchte Gemeinheit. Gerade wo ich eine klaustrophobische Angst vor dem Ersticken habe. Geraucht habe ich auch seit dem 19. Lebensjahr nicht mehr. Krebs ist eine hässliche Methode, die Welt zu verlassen. Ich habe es bei meiner Tante Käthe Sommerfeld und meinem Nachbarn Hajo Kenneweg miterlebt. Vom Berg fallen, OK. Ein kurzer Schreck, ein Sturz, batsch und fertig. Na ja, ich bin hier nicht auf einem Wunschkonzert.

Die meisten Dinge habe ich in den letzten Wochen geregelt. Ein paar Problemchen werde ich meiner Nachwelt hinterlassen. Sie wird hoffentlich gnädig darüber hinweg sehen, besser noch sie lösen. Da ich nicht gläubig bin, wird es wohl für mich dunkel werden. Also kann ich mich auch nicht über Verpasstes ärgern.

Ich habe so viele Menschen und Freunde auf dem Friedhof in der Steglitzer Bergstraße verabschiedet. Dort möchte ich nicht hin. Für mich ist es eine unerträgliche Vorstellung, dass mich Bärbel mit der Gießkanne besucht, wie so viele andere Frauen, die nicht mehr aus ihrer schwarzen Trauerkleidung herauskommen. Ich musste als Kind so oft mit meiner Großmutter auf diesen Friedhof, damit sie ihren Sohn und meinen Vater „Hanne“ besuchen und beweinen konnte. Auch mein Nachbar Hajo Kenneweg hat dort mit seiner begrabenen Frau immer eine Zigarette geraucht, er wahrscheinlich deshalb zwei, für sie eine mit. Ingeborg Kenneweg war meine erste Liebe, obwohl sie so viel älter war. Nur wusste sie nichts davon. Ironie der Geschichte, die beiden starken Raucher sind an Lungenkrebs gestorben. Anonym möchte ich auch nicht verschwinden, mich schon gar nicht verbrennen lassen. Auch schwarz umrandete Briefe um mich möchte ich nicht haben. Solche findet man im Hausbriefkasten, bekommt einen Schreck. Keine Brille dabei, wen hat es erwischt? Ich möchte niemand erschrecken. Ein Gespräch mit Bärbel ist da für die Hinterbliebenen hilfreicher.

Ein Grab in Obertraun am Hallstätter See wäre schön. Der Leichenschmaus findet dann beim Höllwirt statt. Achtung, nicht mittwochs, dann ist dort Ruhetag. Beim Höllwirt war ich immer gerne, oft zu meinem Geburtstag oder zum Ende des Urlaubs. Ich hoffe jedoch es ist noch viel Zeit für mich bis zum Sterben und ich komme noch ein paar Mal lebend nach Obertraun. Kommendes Jahr zu unserer Freundin Edith?

Wir sind im Sommerurlaub 2014 in Obertraun. Ich bin hier angekommen, mit dem Kopf auf dem Hals. Auf dem Friedhof war ich, allerdings mehr um Franz und Mary Dankelmayr zu besuchen. Einen verstohlenen Blick gab es jedoch, es wäre noch Platz für mich. Sonntag ist mein Geburtstag, natürlich wird beim Höllwirt gefeiert. Bärbel, Edith und Peter sind dabei.

Rückblick

Inzwischen ist die Entdeckung meines Tumors gut 3 Jahre her. Wenn ich zurückdenke, ist es für mich immer verwunderlicher, was ich vor 3 Jahren alles so mitgemacht und wie cool ich darauf reagiert hatte. Selten hatte ich Angst. Die riesige Operation habe ich ruhig an mich herankommen lassen. Die beiden REHA-Maßnahmen habe ich sogar genossen, obwohl ich mich vor der Gesellschaft der vielen Mitkranken etwas gegrault hatte. Ja, die vierteljährlichen Nachsorgetermine machten mich immer wieder leicht nachdenklich. Ich weiß, ich habe großes Glück gehabt. Den Kontakt zu einigen Leidensgenossen habe ich nicht richtig aufrecht erhalten. Wenn ein Weile um ist, traut man sich auch nicht mehr zu melden. Es könnte ja etwas vorgefallen sein.

 

Seiten-anfang